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27.09.2013

Die Schwestern Ursula und Ruth Beer

„Gutes tun kann man nicht allein“, sagt Ruth Beer. „Es muss von einer größeren Gemeinschaft getragen werden“. Ursula und Ruth Beer sind für die katholische Kirche in Widdersdorf eine ehrenamtliche Institution und ihre Arbeit zeigt deutlich: Kirche kann nur als Netzwerk funktionieren. „Beerchen“ wurden die charmanten Zwillinge vom letzten rein Widdersdorfer Pfarrer Adenäuer genannt. Ursula ist der „Taufbeer“, Ruth der „Caritas-Beer“. Beide sind auch in der kfd, Ruth war dreimal im PGR Widdersdorf. Auch hier wird die Einstellung deutlich, Kirche funktioniert nur vernetzt. Nächstes Jahr werden beide 80. Man glaubt es kaum, wenn man sie erlebt, quirlig und interessiert. Trotzdem fand die Redaktion, Zeit für eine Zwischenbilanz um darüber etwas Werbung fürs Ehrenamt zu machen. Bei Kaffee und Kuchen aus Österreich vergehen fünf Stunden am Sonntagnachmittag wie im Flug.

Jeder hält Euch für Widdersdorfer, dabei seid Ihr in einer der frühen Widdersdorfer Neubauwellen hierher gezogen.


Ruth: Wir kamen 1974 nach Widdersdorf. 1949 kamen wir erst nach Köln. Ursprünglich sind wir aus Warnsdorf in Nordböhmen. Unser Vater hatte eine Fabrik für Kinderwagen und Stahlrohrmöbel. Nach dem Krieg machte ihm ein Freimaurer, mit dem er zusammengearbeitet hatte und den er zufällig im Zug wiedertraf das Angebot bei ihm in Köln eine neue Firma zu gründen. Das war 1947, zwei Jahre später kamen wir vier Kinder (ein Bruder war gefallen) nach. Es war Zufall, dass wir nach Köln kamen. Zuerst wohnten wir in einer Baracke in Müngersdorf, in einem Schrebergarten. Wir gingen in die Liebfrauenschule. Das war eine schöne Zeit. Die erste Stunde fiel immer aus, da haben wir den Maurern geholfen und sind zwischen den Trümmern herumgekrochen und haben Ziegel gesucht. Das Dionysos Mosaik haben wir gleich nach dem Fund gesehen. Freunde von uns, die Familie Rischar, holten uns dann nach Widdersdorf. Unsere Mutter wollte im eigenen Haus sterben. Wie es damals üblich war, sind wir zum Pfarrer, das war Pfr. Adenäuer, und haben uns vorgestellt. Ich habe damals in der Bank gearbeitet und meine Schwester war stellvertretende Direktorin einer Berufsschule. Zuhause war die Mutter, da blieb keine Zeit fürs Ehrenamt. Aber wir haben Pfarrbriefe verteilt und da kommt man doch mit vielen Leuten ins Gespräch.

Seid ihr denn nach dem Fall des Eisernen Vorhangs noch einmal nach Nordböhmen gefahren?

Ruth: Nein, als wir geflohen sind, hat der Vater zu uns gesagt: „Dreht Euch noch einmal um. So schön werdet ihr die Heimat nie mehr sehen.“

Wie ging es weiter?

Ruth: Wir hatten Pfr. Adenäuer versprochen, wenn wir pensioniert sind, helfen wir mit und daran hat er sich später erinnert. Ich bin 1994 in Rente gegangen und Ursula 1995.

Ursula: Ich stand aber erst später zur Verfügung, da ich 1996/97 zu unserer Schwester nach Marienburg gezogen bin, die Krebs hatte. Als wir Pfr. Fischer im Juli in seine neue Pfarrei begleitet haben, kannte ich den Pfarrer, denn er hatte unsere Schwester beerdigt. Im Taufkreis war ich dann ab 1999. Er ist kurz vorher u.a. von meiner Nachbarin Frau Lambertz, von Juliana Mörsdorf-Schulte und Bettina Müller gegründet worden. Pfr. Adenäuer war damals schon gesundheitlich eingeschränkt und wollte, dass wir die Pfarrei so gut wie möglich selbständig verwalten können.

Ursula, der Taufkreis Widdersdorf nimmt sich viel Zeit für die Taufeltern. Du möchtest das auch so beibehalten, obwohl es ehrenamtlich bei den vielen Taufen in Widdersdorf schwer zu stemmen ist. Warum bedeuten Dir die Gespräche mit den Taufeltern so viel?

Ursula: Die christliche Taufe stellt Menschen gleich, wie bei der Taufe des Eunuchen durch Philippus (Apg. 8,26-40) deutlich wird. Bei Erwachsenentaufen merkt man oft, dass sich für die Menschen im Leben etwas ändert. Die meisten Eltern wollen die Taufe für ihre Kinder als Schutz. Sie sollen geschützt durchs Leben gehen. Man kann bei den Gesprächen auch mit Vorurteilen oder Aberglauben aufräumen. Es findet eine Tiefe in der Auseinandersetzung statt. Wir erklären die Namenspatrone und geben Tipps wie man seine Religion im normalen Leben umsetzt.

Gibt es eine Veränderung in der Taufkatechese, wie die Eltern damit umgehen?

Ursula: Ich sehe bei den jungen Eltern eine sehr positive Entwicklung. Es wird nicht mehr getauft, weil die Oma das will, sondern die Eltern wollen es. Die Religiosität hat sich vielleicht verändert. Man geht nicht jeden Sonntag in die Kirche und manchmal muss man auch auf die Etikette in der Kirche hinweisen. Aber dafür gehen sie in den Kleinkindergottesdienst. Ich weise die Eltern auch gern auf ein Buch von einer Mutter hin, deren Kind an Krebs gestorben ist. „Mutti, warum hast Du mir Gott vorenthalten?“, fragt die 10-jährige am Sterbebett. Das ist natürlich eine Extremsituation. Vielleicht sprechen gerade wir Flüchtlinge darauf besonders an. Meine Mutter sagte, unsere Geburtsheimat hat man uns genommen, aber unsere eigentliche Heimat ist die Kirche und diese Heimat könnt ihr überall finden.

Während Ursula vom Taufkreis erzählte, durchsuchte Ruth im Hintergrund Aktenordner und gab mir einen Artikel über Herrn Huth und den Laden Kunterbunt (kostenloses Essen) in Vogelsang. Ein Beispiel von ehrenamtlichem Engagement, das durch bürokratische Hürden nicht fortgeführt werden konnte. Dann erzählte sie gutgelaunt weiter über die Caritas.

Ruth: Ich sollte 1994 die Caritas von Frau Zach übernehmen, die sich nur noch um den Seniorenkreis kümmern wollte. Ich habe Frau Zach gefragt, wie die Caritas funktioniert und sie meinte: “Halten Sie die Augen auf.“ Im Pfarrsekretariat saßen Pfr. Adenäuer und Frau Deutsch, die damals selbst als Pfarrsekretärin bzw. als Pfarrhelferin weit über ihre hauptamtliche Zeit hinaus ehrenamtlich engagiert war, und qualmten, wie sie es manches Mal taten, wenn sie sich eine kleine Auszeit in der Betriebsamkeit von Pfarrei und Pfarrhaus gönnten. Frau Deutsch gab mir die Liste aller Caritasstellen im Landkreis. Ich hab alle angerufen und gefragt, wie die arbeiten. Aber letztlich war ich froh, wie Frau Zach wieder mitgeholfen hat. Sie ist und bleibt der Dreh- und Angelpunkt in Widdersdorf – bis heute. Sie kennt jeden. Jeden Monat hat sie einen Ausflug für den Seniorenkreis organisiert. Alle haben etwas dazugegeben. Der Pfarrei hat das nie etwas gekostet. Beim Sammeln für die Caritas haben wir uns dann gegenseitig hochgeschaukelt, wer das meiste sammelt. Wir haben Geburtstagsgratulationen vorbeigebracht, ab dem 70. Geburtstag, zusammen mit einem Blumenstrauß oder einem Piccolöchen. Leider durften wir das nicht mehr nach der Zusammenlegung mit Weiden, weil in Weiden dafür auch kein Geld war. Diese Angleichungen sind verheerend. Bei uns haben ganz viele Ehrenamtliche aus Verärgerung aufgehört. Die Gemeinden der Pfarreiengemeinschaft sind schon sehr verschieden.

Wie habt Ihr denn die Zusammenlegung der Pfarreien 2003 erfahren?
Was hat sich dadurch für Euch geändert?


Ruth: Wenn ich Geld für die Caritas gebraucht habe, bin ich zum Herrn Pastor und dann noch zum Rendanten, dem Herrn Mörsdorf. Alles war im Ort und man kannte sich. Heute ist das ein größerer bürokratischer Aufwand. Ich stelle einen offiziellen Antrag. Den Rendanten kenne ich gar nicht mehr. Wir haben zwar auch ein kleines Budget, das Herr Kelkel abzeichnet, aber früher konnten wir auf viel mehr zurückgreifen. Mit der Zentralisierung und Vereinheitlichung wird Gemeindearbeit enorm erschwert. Wie unterschiedlich unsere Gemeinden sind, sieht man an der Sammlung für die Caritas. Früher sind wir von Haus zu Haus und haben große Beträge bekommen, einige gaben 200€. Wir sind ins Gespräch miteinander gekommen. Heute wird ein Überweisungsträger im Pfarrbrief beigelegt und es läuft anonym. Die Caritaseinnahmen sind dadurch um 60% gesunken. In Weiden und Lövenich dagegen sind sie durch den Überweisungsträger gestiegen. Die Liste mit den Pfarrbriefverteilern wird von mir verwaltet. Das ist natürlich ein Problem, dass das von der offiziellen Verwaltung gar nicht mehr geleistet werden kann. Früher waren die Spannungen so stark, daß es zwischen Lövenich und Weiden vor der Christmette zu Raufereien kam. Bei der Zusammenlegung war das nicht mehr so. Dennoch sind bei der Caritas kleine Einheiten sinnvoll. Zusammengearbeitet haben wir ja trotzdem schon vor der Zusammenlegung innerhalb vom Dekanat Lindenthal. Ab 2000 haben 14 Pfarrgemeinden in der Caritas zusammengearbeitet.

Wie erfahrt ihr denn, wer in Widdersdorf Hilfe braucht?

Ruth: Notfälle bekommen wir über das Pfarrbüro. Einige betreuen wir über Jahre hinweg. Es gibt Lebensmittelgutscheine, Kleidung, Lebensmittelpakete. Manchmal haben wir auch Strom- und Wasserrechnungen übernommen, Kinderwagen besorgt. Eine Mutter stand Weihnachten mit nichts da, weil ihr Mann mit einer Freundin durchgebrannt war. Eine Kleiderkammer hatten wir aber nie, dafür fehlten die Räume. Heute veröffentlichen wir in der PfarrInfo, wenn wir etwas dringend suchen.

Inzwischen gibt es ja auch Kölsch Hätz. Überschneidet sich Eure Arbeit?

Ruth: Wir arbeiten zusammen. Kölsch Hätz ist organisierte Nachbarschaftshilfe. Die funktioniert aber oft auch ohne offizielle Organisation. Unsere Caritasarbeit besteht nur zum Teil aus den offiziellen Fällen. Viele Dinge laufen unter der Hand. Da helfen ganz viele aus Widdersdorf mit, die gar nicht offiziell erfasst sind, wie Frau Espanion, Frau Päffgen, Herr Meier, Frau Simons, die leider verstorben ist. Früher haben wir dafür oft die goldene Nadel verliehen, als Anerkennung, zuletzt u.a. Herr Müller. Das war dann leider nicht mehr erwünscht, wir bringen jetzt Namenspatronreliefs von einem Kölner Bildhauer, die es in der Marzellenstraße gibt. In der Osterzeit bringen wir Ostereier, Palmzweige und geweihte Kerzen.

Ursula, Du wirst weiter zusammen mit Deiner Schwester in der Caritas arbeiten. Warum ziehst Du Dich vom Taufkreis zurück?

Ursula: Mit 80 ist der Abstand zu der jungen Generation zu groß. Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist.

Was wünscht Ihr Euch vom neuen Pfarrer?

Mehr Vollmacht für die Caritas vor Ort.

Ich danke Euch für das Gespräch.

Das Interview führte Bettina Vogel-Walter, Sonntag 13.10.13
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