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09.10.2012

Die fremde Feder: Das Konzil Frings (Spiegel, 50/1963)

(Kurzbiographie Josef Kardinal Frings im Anhang)

"Das Konzil Frings" titelte der Spiegel im Dezember 1963 (50/1963):

Er (Frings) hatte, in wohlgesetzter lateinischer Rede, den schärfsten Angriff vorgetragen, den je in diesem Jahrhundert ein Glied der römischen Kirche gegen die Kurie führte.

Unter dem Applaus der Mehrheit aller katholischen Bischöfe klagte der Kölner Kirchenfürst das von Ottaviani geleitete Heilige Offizium öffentlich an, der Kirche schweren Schaden zugefügt zu haben und "Nichtkatholiken ein Ärgernis" zu bieten.

Frings: Das Offizium - Nachfolgeinstitut der mittelalterlichen Inquisition - beschuldige und verurteile rechtgläubige Gelehrte, ohne ihnen oder ihren Bischöfen Gehör zu leihen. Theologische Bücher würden verboten, ohne daß der Autor den Grund erfahre.

Mit dieser in der jüngsten Kirchengeschichte beispiellosen Attacke gegen die Diktatur der autoritär herrschenden obersten Glaubenswächter durchbrach der Rheinländer - wie der Römer Ottaviani und die anderen Kardinäle nach katholischer Lehre "Sohn des Papstes" - eine jahrhundertealte Mauer des Schweigens.

An diesem Tage, dem 8. November 1963, hat der deutsche Kardinal Kirchengeschichte gemacht. Das katholische "Ruhrwort" verglich das Duell der beiden Papst-Söhne sogar mit dem biblischen Ereignis, "als Paulus in Antiochien den Petrus vor allen zur Rede stellte". (...)

Die Kurienkleriker um Ottaviani aber setzten laut "Corriere della Sera" sogleich ein Wort des Papstes Pius IX. in Umlauf: "Erst wird ein Konzil vom Teufel, dann von Menschen, schließlich aber doch von Gott regiert." (...)

Denn bis zu diesem Tage galt in der katholischen Kirche das ungeschriebene, aber sakrosankte Gesetz, daß die Tätigkeit des Heiligen Offiziums jenseits jeder Kritik zu bleiben habe. Im Schutz dieses Tabus konnten die Glaubens- und Sittenrichter, deren Behörde bis 1908 mit der Inquisition auch den Namen gemeinsam hatte, an mittelalterlichen Methoden festhalten.

Zudem sah Ottavianis Behörde, die bislang rigoros Theologen richtete und dabei Karrieren und Existenzen zerstörte, nun auch neue Machtansprüche gefährdet: Ottaviani wollte als Chef der theologischen Konzilskommission auch über die Entscheidungen des Konzils sein "Urteil" (Frings) fällen. (...)
Erbittert über den Beifall der Bischöfe für seinen deutschen Amtsbruder wetterte er gegen Frings wie gegen einen lutherischen Ketzer. (...)

21 Bischofsjahre hatten Frings zum scheinbar erstarrten Symbol für den deutschen Katholizismus gemacht, der vergangenen Zeiten nachtrauert, weil sie katholischer waren als die Gegenwart.
Zwei Konziljahre aber genügten, um denselben Mann zum Symbol für den Erneuerungswillen der Kirche zu wandeln - einer Kirche, die im Konzil das Getto verlassen will, in das sie sich vor der unchristlich gewordenen Welt geflüchtet hat.

An jenem 8. November rettete Frings, der bis zum Konzil als Traditionalist gegolten hatte, die Bischofsversammlung, die am Fortschritts-Haß Ottavianis zu scheitern drohte: Der mächtigste Kardinal der römischen Kirche wollte seine Theologische Kommission praktisch zur zweiten Instanz neben und über dem Konzil machen. Ein Parlament von über 2000 Oberhirten, das seine Beschlüsse von einem Kardinal der Kurie überprüfen und korrigieren läßt, wäre im Vatikan aber so überflüssig wie in Moskau der Oberste Sowjet.

Kölns Frings entschied sich für den Kampf in offener Arena. Er schlug im Petersdom Töne an, die konservativen wie einfältigen Katholiken als schiere Revolution erscheinen mußten. (...)

Skeptikern hat Frings schon vor einem Jahr mit dem Wort eines vorchristlichen Griechen geantwortet: "Der Kampf ist der Vater aller Dinge."
Die fromme Bestsellerautorin Luise Rinser ("Die vollkommene Freude")
erklärte die Progressivität des alten Kämpfers damit, daß Frings das Augenlicht fast verloren hat: Seine Blindheit "zwingt ihn zu äußerster Konzentration und macht ihn hellhörig nach innen und außen. Darum hört er auch schärfer als viele andere die Notrufe der Zeit".

Der Kardinal selbst: "Die Bischöfe ... sind als Konzilväter nicht Gehorchende, sondern zusammen mit dem Papst Gesetzgebende, und es ist nicht zu verwundern, daß manche, die sich im Gehorsam gegen den römischen Papst von niemandem übertreffen ließen, jetzt in dieser neuen Situation fortschrittliche und freiheitliche Ansichten vertreten."

Mit diesem Satz entschlüsselt der Kirchenfürst das Geheimnis, das der Konzilvater Frings Kennern des Kölner Erzbischofs Frings aufgibt. Eben der strikte Gehorsam gegen den Papst, in dem tatsächlich kein Katholik den Kölner zu übertreffen vermag, erklärt die Wandlung des zu Pius-Zeiten streng konservativen Oberhirten zu einem zumindest in Rom Progressiven (...)
Die erste Nachricht über den fortschrittlichen Frings kam aus Italien: Im November 1961 hielt der Kardinal im Genueser "Teatro Duse" einen Vortrag über "Das Konzil und die moderne Gedankenwelt".

Zugleich aber begründete er die neuen Aufgaben seiner Kirche mit dem "Kleinwerden der Welt und einer gänzlich neuen Einheit der Menschen" (...) Zum erstenmal in seinem Leben forderte Frings damals, die Kirche müsse

- "überkommene kirchliche Formen, wie zum Beispiel den Index" und ihre "ganze einschlägige Praxis überprüfen", weil die Menschen "gegen alle Anzeichen totalitären Verhaltens außerordentlich feinfühlig und kritisch" seien, (...)

- beweisen, daß "die Idee der Toleranz, die Achtung vor der geistigen Freiheit des anderen Menschen", sich "nirgendwo mehr finden" ließe als in der katholischen Kirche,

- die Meinung ihrer Kritiker widerlegen, "im Katholizismus könne es gar kein echtes Ringen mit geistigen Fragen, sondern nur von oben dirigierte Meinungen geben".
(...)
die Kirche solle sich von dem Verdacht befreien, sie sei ein totalitaristisches Gebilde und leugne Gewissensfreiheit und Toleranz.

Soviel nordischer Reformeifer mißfiel den zumeist italienischen Wächtern im Heiligen Offizium außerordentlich. Mit Fleiß wiesen die Glaubensrichter den Neuerern eine Fülle angeblicher "errores" (Irrtümer), "temeraria" (Gewagtheiten) und "scandalosa" (Ärgernisse) nach.

Mit Hilfe dieser Beckmesser-Methode gelang es der Kurie jahrzehntelang, die Zugluft der neuen Zeit vom Vatikan fernzuhalten; Kritiker verurteilte sie kurzerhand zum Schweigen. Aktionen der neuen Gegenreformation in den eigenen Reihen wurden nur selten öffentlich bekannt, meist sogar nur dann, wenn reformfreudige Theologen ihre Lehrstühle verlassen mußten oder auf den Index kamen.

In privatem Kreis wirkt der Kardinal seit jeher weltoffener als es seine oft militanten öffentlichen Reden vermuten lassen. Bei Moselwein und Zigarillos pflegt er Kontakt zu Freunden, die ihm auch unfromme Witze erzählen dürfen. Nie gibt sich Frings als auf Distanz bedachter Kirchenfürst. Sein Arbeitszimmer ist modern und nicht verschwenderisch eingerichtet. Das antike Mobiliar in anderen Räumen seines 1956 bezogenen neuen Palais wurde ihm ebenso geschenkt wie das "japanische Zimmer", das er seinen Gästen gern zeigt.

Wie sein Konzil-Gegenspieler Ottaviani, der ebenfalls an einer Augenkrankheit leidet, ist der fast erblindete Frings mehr denn je auf seine Umgebung angewiesen. Sein wichtigster Berater in Konzilfragen aber ist einer der begabtesten deutschen Reform-Theologen: der frühere Bonner und heutige Münsteraner Professor Joseph Ratzinger, 36. Aus vielen Gesprächen mit dem halb so alten Gelehrten gewann der Kardinal jene theologisch fundierte Überzeugung, die er heute im Konzil vertritt. (...)



Kurzbiographie:
Josef Kardinal Frings (1887-1978) war von 1942-1969 Erzbischof von Köln. Als Priester war er u.a. in St. Josephs in Braunsfeld und unterrichtete als Lehrer die Kinder von Konrad Adenauer, hielt aber Distanz zur Politik. Im Nationalsozialismus hatte er die Judenverfolgung als "himmelschreiendes Unrecht" bezeichnet. Das caritative Engagement stand im Zentrum seines kirchlichen Dienstes. Frings ist der Gründer von Misereor. Adveniat entstand auf seine Anregung. Frings hatte schon vor dem 2. Vatikanisches Konzil (11. Oktober 1962 bis zum 8. Dezember 1965) die Unterstützung von Papst Johannes XXIII, aufgrund seiner Rede in Genua 1961. Er zog Konsequenzen aus der Erfahrung mit dem Nationalsozialismus und dem Kommunismus und forderte gegen Kardinal Ottaviani eine Reform der Kirche von totalitären Strukturen. Seine Rede über das Heilige Offizium (in Zusammenarbeit mit Joseph Ratzinger) führte zur Umgestaltung in die Kongregation für Glaubenslehre.
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